Liebe frei von Mitgefühl

Ein Thema, das mir erst in den letzten Jahren bewusst wurde und mit dem ich mich sehr auseinandersetze, eröffnet mir neue Welten:

dieses Thema nenne ich „Liebe frei von Mitgefühl“. Es hat inzwischen einen zentralen Platz in meinem Leben.

 

„Liebe frei von Mitgefühl“ ist eine Liebe, die bereit ist, uns selbst und alles, was uns umgibt, anzuerkennen als Teil der Schöpfung, die den göttlichen Funken in sich trägt. Diese Liebe macht uns größer, strahlender und erwachsener unserem Schicksal gegenüber. Was immer uns widerfährt, es ist stimmig auf einem Weg, den wir bejahen. Wir erfahren, dass wir die Kraft haben, das Schicksal zu bewältigen, wenn wir uns auf unseren Wesensgrund beziehen.

Diese Art der Liebe ist zuerst einmal fremd, wir sind in unserem Kulturkreis auf Mitgefühl konditioniert. Es erscheint uns herzlos, ohne Mitgefühl auf Leid zu blicken. Aber, nur befreit von Mitgefühl, können wir in Wirklichkeit den Anderen und seinen Weg bis in die letzte Konsequenz respektieren und gleichzeitig frei geben. Auch unser eigenes Schicksal bekommt durch diese Haltung eine neue Gestalt, in der wir nicht mehr verloren gehen, sondern auf Augenhöhe mit unserem Leben kommunizieren und handeln.

Das Mitgefühl, das wir empfinden, gilt ausschließlich uns selbst. Das habe ich durch viele Aufstellungen erfahren. Hinter unserem Mitgefühl steht entweder eine eigene Geschichte oder der Wunsch, vom Leid anderer nicht erreicht zu werden. wir fühlen mit uns und nicht mit den Anderen. Solange wir diese Tatsache nicht ganz klar in uns tragen, verfangen wir uns immer aufs Neue in den verführerischen Schlingen des Mitgefühls und geraten in die Rolle des „guten Menschen“, die die Gesellschaft und die Religionen uns anerzogen haben.

Es ist nicht leicht, auf die mitfühlende Sicht zu verzichten.

Rückfälle pflastern den Weg. Es braucht Zeit und Konsequenz, aber es lohnt sich. Das Geschenk, das wir uns durch Verzicht auf Mitgefühl machen, ist die Ahnung einer Liebe, die aus der Tiefe der Schöpfung kommt. Diese Liebe ist sachlich, unsentimental, distanziert, pragmatisch und gleichzeitig ganz nah beim Anderen. Mit dieser Liebe erreichen wir die Anderen tatsächlich und sie lässt die Menschen dort wo sie sind.

 

Mitgefühl postuliert einen Mangel beim Anderen, es fehlt etwas, deswegen braucht er Mitgefühl. Liebe sieht den Anderen in der Fülle seiner Möglichkeiten und in seiner Zugehörigkeit zu einem Großen Ganzen.

Das Mangelbewusstsein als Teil des Mitgefühls erzeugt ein Gefälle zwischen uns und den Anderen, mit denen wir fühlen. Die „Liebe frei von Mitgefühl“ hingegen bewegt sich ausschließlich auf Augenhöhe, entweder zwischen uns und den Anderen oder uns und unserem Schicksal.

 

Versuchen Sie es doch einmal selbst:

Setzen Sie sich gemütlich nieder, lehnen Sie sich bequem zurück, schließen Sie die Augen und lassen Sie Ihren Atem kommen und gehen. Dann lassen Sie vor Ihren inneren Augen einen Menschen aus ihrem Leben auftauchen, dessen Schicksal sie sehr beschäftigt und vielleicht auch schmerzt. Möglicherweise versuchen Sie diesem Menschen immer wieder zu helfen. Spüren Sie. wie Sie mit ihm fühlen. Und spüren Sie, wie es Ihnen selbst dabei geht.

Dann atmen Sie Ihr Mitgefühl aus, einfach weg damit. Aber bleiben Sie innerlich mit diesem Menschen verbunden. Und nun schauen Sie ihn an mit weitem Herzen, Sie sind einfach da mit ihrem Herzen, das offen ist.....und dann beobachten Sie, was sich ändert, in Ihnen und in Ihrem Kontakt zu dem Anderen. Beobachten Sie, ob ihr inneres Bild von diesem Menschen sich wandelt und lassen Sie in sich Ideen auftauchen, wie Sie in Zukunft mit ihm kommunizieren wollen.

Das selbe können Sie auch mit sich selbst versuchen. Holen Sie sich ein eigenes Problem heran und denken Sie, wie Sie bisher mit diesem Problem umgegangen sind. Dann geben Sie sich selbst alles Mitgefühl, das Sie in diesem Augenblick zur Verfügung haben und beobachten Sie, wie Sie sich dabei fühlen. Anschließend atmen Sie ihr Mitgefühl für sich selbst aus und öffnen Sie in aller Ruhe und Stille Ihr Herz für sich in dieser Situation. Beobachten Sie, was sich in Ihnen ändert im Unterschied zu vorhin und lassen Sie Ideen entstehen, wie Sie in Zukunft anders mit diesem Thema umgehen werden. Lassen Sie sich überraschen.

 

Die „Liebe frei von Mitgefühl“ ist mir begegnet, als ich auf der Suche nach einem wirksamen Schutz war, vor den Belastungen, die unsere Klienten uns nahe bringen. Wir alle, die wir Menschen begleiten, haben es gelernt, uns emotional abzuschirmen. Wir sind bei unseren Klienten, aber wir geraten kaum mehr in ihre Geschichten und Themen. Unsere Körper hingegen reagieren früher oder später mit psychosomatischen Signalen.

Langsam hat sich in mir eine Hypothese dazu gebildet: wir bestehen aus 70 Prozent Flüssigkeit – Blut und Lymphe. Der Japaner Masaru Emoto hat herausgefunden, dass die Kristallstruktur von Wasser sich drastisch verändert, je nachdem ob man das Wasser liebevoll oder böse anspricht, ob man lacht oder traurig ist. Könnte es also sein, dass unser Blut die „Abbilder“ unserer Kliententhemen in sich aufnimmt und im ganzen Körper verteilt und speichert? Ein Vorgang, der ganz tief im Unbewussten passiert. Was tun? Wie können wir uns schützen, nachhaltig schützen? Mit dieser Frage in mir bin ich in den Wald gegangen und bin so der „Liebe frei von Mitgefühl“ begegnet. Gehen ist immer gut, wenn man nicht weiter weiss.

Wenn wir auch nur mit einem Hauch dieser Liebe bei uns und den Anderen sind, dann strengen wir uns weniger an, und die Gefahr, mit unserem Körper in die Themen der Klientinnen zu geraten, nimmt deutlich ab. Unsere Begleitung von uns selbst und unseren Klienten wird authentischer, klar, stringent und liebevoll.

 

Mittwoch, 18. November 2009